Besprechung der 12 Geschworenen

Wenn aus Masken Menschen werden

Die Theater-AG des Gymnasiums Ochsenhausen wagte sich im Mai des vergangenen Schuljahres an den Gerichts-Klassiker „Die zwölf Geschworenen“ von R. Rose und H. Budjahn

Ein heißer Tag, ein unerträglich heißer Tag, den zwölf Männer und Frauen im Hinterzimmer eines Schwurgerichts verbringen müssen, bis sie zu einem Urteilsspruch gekommen sind.

Sie sind als Geschworene in einem Mordprozess berufen und bei ihrer Urteilsfindung – härter als in einem päpstlichen Konklave – zur Einstimmigkeit verdammt.

Ein Menschenleben steht auf dem Spiel: Schuld oder Unschuld? Die Entscheidung der Zwölf führt den Angeklagten in die Freiheit oder auf den elektrischen Stuhl.

Alles scheint ganz einfach: Ein 19-Jähriger aus miesen Verhältnissen und mit Migrationshintergrund soll im Streit seinen Vater erstochen haben. Sechs Tage lang schon hat das Gericht getagt, Beweismittel gesichtet, Zeugen gehört, Indizienketten geknüpft. Alles spricht gegen den Angeklagten.

Für die Geschworenen scheint es nur noch eine Formsache zu sein, einen Knopf unter die leidige Angelegenheit zu machen und den vermeintlichen Mörder aufs Schafott zu schicken.

Dann könnten die Geschworenen endlich wieder hinaus aus dem klaustrophobisch engen Hinterzimmer (Bühne: Simone Fleischmann und Johanna Brembati) zurück ins eigene Leben, wo unter anderem ein wichtiges Baseball-Spiel wartet.

Doch daraus – man ahnt es – wird nichts, denn einer der Geschworenen wagt es, zu zweifeln und Sand in das Räderwerk eines möglichen kurzen Prozesses zu streuen. 11:1 verläuft entsprechend die erste Probeabstimmung. Will man die Zuständigkeit für den Fall nicht gänzlich verlieren, muss der Störer von der Mehrheit zur Räson gebracht werden. Der Druck ist immens.

Doch der Geschworene mit der Nummer 8 (unermüdlich-redlich: Sharin Tews) beharrt auf seinen Zweifeln, pocht gegen die Dynamik des scheinbar Eindeutigen auf die mühsame Prozedur des kritischen Hinterfragens, will überzeugt, nicht überredet werden.

So beginnen für die Eingeschlossenen quälend lange Stunden der Auseinandersetzung. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als den Fall mit all seinen Details noch einmal auszubreiten und Stück für Stück kritisch zu beleuchten. Das erweist sich für alle Beteiligten als eine schwierigere Herausforderung als das Puzzle aus 2000 Teilen, an dem der Gerichtsdiener (wunderbar schratig-schlurfig: Joshua Beck) während der Beratungen in seinem Vorzimmer tüftelt.

Unerbittlich bewegen sich die Zeiger der Uhr, immer drückender und gereizter wird die Stimmung im Raum trotz Wasserspender und Ventilator im Dauereinsatz.

Und während so nun nach und nach Ungereimtheiten von Zeugenaussagen und Schwachstellen von Argumentationsketten aufgedeckt werden, geben die namenlos Versammelten immer mehr von sich preis. Aus Nummern und Masken werden allmählich Menschen mit ihrer je eigenen Geschichte.

So geht die Aufklärung im Mordfall mit der Selbstaufklärung der zu Gericht Sitzenden Hand in Hand. Ein spannender Prozess entfaltet sich.

Lange hat man die Akteure der Theater-AG des Gymnasiums nicht mehr so viel sprechen gehört wie in dieser kammerspielartig auf die Bühne gebrachten Produktion. Gezeigt wird – ohne jede Verfremdung – das pure Spiel (Regie: Simone Fleischmann). Das kann beim reduzierten Einsatz technischer Unterstützung (Horst Grohmann, Julian Haasis) nur packend gelingen, wenn den Spielenden je eigene Marotten, Spleens und Subtexte zugewiesen werden, die als Spiel im Spiel zusätzliche Bedeutungsräume öffnen.

Derartig ausgerüstet agieren unter der besonnenen Moderation der Vorsitzenden (konzentriert-zielstrebig: Clara-Maria Scheim) die Geschworenen spielfreudig und fein-ziseliert.

Einer nach dem anderen beginnt zu zweifeln (Fabian Kappler: wortkarg-eigenwillig, Lea Borner: tantenhaft-skrupulös, Simone Schubert: italienisch-ungeduldig); von Probeabstimmung zu Probeabstimmung wächst die Zahl der Nein-Sager (Anika Schwarzenberger: rührend-grobschlächtig, Madleine de Leeuw: tapfer-aufrecht, Elena Grundmann: schräg-verspult, Katharina Hunger: skurril-hölzern), bis am Ende auch die härtesten Brocken weich werden (Teresa Braun: schreckschraubig-selbstgerecht, Leo Schönwald: wortreich-verbergend, Jakob Vogel: mit der ganzen Bandbreite seines Könnens) und die Geschworenen zuletzt einstimmig auf unschuldig plädieren.

Gebannt folgt das Publikum diesem Prozess und spürt: hier wird mehr als ein Mordfall verhandelt. „Was ist Wahrheit?“, fragt Nr. 10 einmal und ebenfalls fragend ließe sich anschließen: Welche Bilder tragen wir in uns? Welche Vorurteile beherrschen uns? Warum handeln wir, wie wir handeln?

Und es wäre keine Produktion der Theater-AG des Gymnasiums Ochsenhausen, wenn diese existenziellen Fragen nicht auch ins Politisch-Konkrete gewendet sichtbar gemacht würden: Im Keller-Foyer flankieren Stellwände mit Beispielen zu aktuellem und alltäglichem Rassismus den Bühnenraum.

Ein starkes Statement. Ein hochkarätiger Abend. Großer Applaus.

Stefan Evers

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